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Die Ehre der Kopierten

Die Schuleingangskonferenz stellte, neben unzählig vielen anderen Themen, auch das Bereitstellen unseres schulinternen Logbuchs auf der Homepage zur Diskussion.
In den Vorjahren hatte sich gezeigt, dass benachbarte Schulen - jedoch nicht nur diese - gerne auf die in unserem Team entwickelten und erarbeiteten Ideen und Konzepte zurückgriffen.

Während ich auf der Konferenz noch die Ehre der Kopierten zu vermitteln suchte, dafür warb, weiterhin so transparent wie möglich zu agieren und unsere Konzepte, Ideen und entwickelten Projekte auch weiterhin frei zugänglich zu machen, wurde ich durch einen Zeitungsartikel in der hiesigen Presse doch nachdenklich.



Eine von uns - nach der Idee einer Kollegin unseres Teams - vor einigen Jahren entwickelte Idee zur Bergüßung der neuen Erstklässler wurde 1:1, ohne jegliche Modifikation, von uns übernommen und eine andere Schule präsentierte sich nun voller Stolz damit in der Presse.

Ein Anruf der Schulleitung einer weiteren Schule ließ mich weiter stutzen:

"Wir arbeiten ja jetzt mit Eurem Rechtschreibkonzept, aber nun haben die Eltern folgende Fragen, wie geht Ihr denn damit um?", wurde ich gefragt und wusste zunächst nichts weiter zu erwidern als: "Wieso arbeitet Ihr denn mit unserem schuleigenen Konzept, das haben wir doch passgenau für unsere Kinder entwickelt und Ihr arbeitet doch eigentlich methodisch ganz anders?"

Mit einem unbestimmten Bauchgrummeln  beendete ich das Gespräch.
Schulleitung bedeutet für mich - oder ich muss sagen für UNS - immer zuerst zu schauen, welche Bedürfnisse, welche Ausgangsbedingungen haben wir an unserer Schule und wie können wir Konzepte und Methoden und Ideen entwickeln, die passgenau für unsere Schule sind.
Der eigenen Schule ein individuellen Profil zu geben bedeutet Arbeit und das gesamte Team muss an einem Strang ziehen. Innovation, Teamgeist, Engagement und Fachwissen sind von allen Beteiligten gefragt.
Und das bedeutet Arbeit. Viel Arbeit.
Selbstverständlich kenne ich den Ausdruck: "Man muss das Rad nicht neu erfinden!" und für gewisse unterrichtliche Bereiche möchte ich dem zustimmen.
Schulentwicklung jedoch lässt sich meiner Meinung nach nicht durch bloßes Kopieren betreiben.

Die Entdeckung, dass eine Nachbarschule nicht nur dies und jenes, sondern so gut wie alles von uns kopiert, nachmacht und als eigene Idee darstellt, sich nach außen hin damit brüstet und dabei noch mit spitzen Bemerkungen gegenüber Kooperationspartnern gegen uns arbeitet, macht mich nachdenklich.

Natürlich schauen wir auch nach den Ideen anderer Schule, lassen uns inspirieren, bereichern oder durchaus auch mal abschrecken, aber im Fokus stehen immer unserer Kinder und das, was für eine andere Schule passt, passt noch lange nicht zu uns und so tragen wir zusammen, sammeln, bilanzieren, diskutieren, werten aus und am Ende steht immer ein individuelles Konzept, Produkt oder Ergebnis - nur so entwickelt sich Schule weiter und zwar zugunsten der Schülerinnen und Schüler und aller an Schule Beteiligten.

Es gibt nun, wie immer, mehrere Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen. Weitermachen wie bisher ist die eine Option. Nicht beirren lassen durch effekheischende Nachmacher, transparent und angreifbar und kopierbar bleiben.
Offensiv an die Situation herangehen und nachfragen.
Sich im stillen Kämmerlein ärgern oder aber stolz darauf sein, dass wir anscheinend so gute Arbeit leisten, dass andere sie für wert erachten zu kopieren.

Letzteres ist für den eigenen Seelenfrieden sicherlich die beste Lösung.  Und damit kann man ja durchaus offensiv umgehen. Freuen wir uns doch einfach, dass andere Schulen genau das machen möchten, was wir machen. Im Grunde ist das ein unglaublich toller Achtungserweis, eine ganz besondere Wertschätzung unserer Arbeit.
Und darauf kann man die Kollegen ja durchaus anssprechen: "Wir freuen uns, dass euch unsere Arbeit so gut gefällt, dass ihr sie 1:1 bei euch umsetzt. Danke für die Wertschätzung!"

Anerkennung ist nicht nur für unsere Kinder wichtig. Auch für uns. Erfahren wir sie eben auch diese Art und Weise und lassen uns dadurch bestärken und motivieren so weiterzumachen wie bisher.
Sich langfristig zu ärgern schadet der eigenen Motivation, der eigenen Einstellung und letzlich der eigenen Arbeit.

Relativieren wir einfach unsere Sichtweise, schließlich wird uns nicht geschadet. Und vor allem unseren Kindern nicht.
Und letztlich geht es ja um sie und nicht um uns.

Und eines, das kann nicht kopiert werden: Das Team!
Damit steht und fällt einfach alles.

Susanne Schäfer 10.09.2016, 17.50

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Kommentare zu diesem Beitrag

4. von Herrn Emrich

Vermutlich ist "der Drang zum Kopieren" auch ein Zeichen dafür, dass im System etwas nicht ganz richtig läuft. Wann kopiere ich denn? Wenn ich a) keine Zeit habe, b) keine Kompetenze habe oder c) keine Lust habe, es selbst zu tun. Vermutlich kommen dann meistens alle drei Faktoren zusammen.
Wenn man Schulleitungen und Kollegien an Grundschulen entlasten würde, dann bliebe auch wieder mehr Raum für nachhaltige Unterrichtsentwicklung.

Einen schönen Sonntag wünscht
Florian

vom 11.09.2016, 11.10
Antwort von Susanne Schäfer:

Eine Schulleitung die b) keine Kompetenzen hat oder c) keine Lust sollte meines Erachtens nicht in der Schulleitung "sitzen".
Keine Zeit ist eine Frage der Prioritätensetzung. Meiner Meinung nach ist es die Kernaufgabe von Schulleitung, den Rahmen für nachhaltige Schulentwicklung zu schaffen.
Mag aber sein, dass ich da mit meiner Meinung alleine stehe.
3. von Bine

Ich freue mich, wieder etwas von dir zu lesen, auch wenn es nichts Erfreuliches ist.
Leider ist es an unserer Schule beziehungsweise Nachbarschule ähnlich: KollegInnen/andere Schulen kopieren Ideen 1:1 und geben diese als eigene aus. Das ist wirklich ärgerlich, vor allem da manche Sachen sehr zeitintensiv sind. Ich denke dann auch immer an die Kinder und hoffe, dass diese wenigstens ein wenig davon profitieren! Ganz schön dreist ist das trotzdem!

vom 10.09.2016, 22.37
Antwort von Susanne Schäfer:

Der Gedanke an die Kinder ist mit Sicherheit der richtige Weg - meine ich.
Danke für Deinen Kommentar.
2. von Bettina Matenaar

Liebe Susanne,
du hast es selbst schon erkannt, trotzdem:

Nachahmung ist die aufrichtigste Form der Anerkennung!!!!

Lass' dich nicht ärgern, sei stolz!
LG, Bettina

vom 10.09.2016, 19.34
Antwort von Susanne Schäfer:

Ich versuche es, das mit dem "nicht ärgern lassen". Einmal von der Seele geschrieben ist es so gut wie weg aus den Gedanken.
1. von Olivia

Liebe Susanne,
ich kenne dieses Phänomen nur zu gut. Ich habe an einer Schule massgeblich ein Konzept entwickelt, dass dort sehr erfogreich läuft. Von Anfang an war uns wichtig, dass es wenig sinnvoll ist, wenn andere dieses Konzept 1:1 kopieren, denn wenn ein Konzept an einer Schule funktioniert, heißt das ja nun nicht, dass dies an einer anderen Schule (mit anderen Kinder und anderen Lehrern) eben auch funktioniert. Aber wir hätten uns sehr gerne mit anderen ausgetauscht, über unsere Erfahrungen erzählt, denn das sind für mich immer wichtige Anregungen und die gleichen Fehler müssen ja nun wirklich nicht von anderen gemacht werden. Dieser Austausch kam mit anderen leider nicht zustande. Die Reaktion auf das erfolgreiche Konzept war dagegen leider entweder gedankenloses komplettkopieren (und dann leider nach kurzer Zeit die große Ernüchterung, weil es eben nicht geklappt hat, dann wurde uns aber unterstellt, wir würden das Konzept schönreden und es könne ja gar nicht so gut bei uns laufen!) oder schlechtreden. Der absolute Tiefpunkt war jetzt aber, dass ein Kollege, der nie mit mir über mein Konzept und die Erfahrungen gesprochen hat, genau dieses Konzept 1:1 und mit dem gleichen Namen an einer Nachbarschule eingeführt und das Ganze dann auch noch als seine eigene Idee ausgegeben hat. Ich bin sonst relativ direkt, aber hier ist mir bis jetzt noch nichts sinnvolles eingefallen, was ich dem Kollegen, den ich regelmäßig sehe, sagen könnte.
Schade, an diesem gedankenlosen abkupfern ist für mich vor allem, dass gute Konzepte dadurch schlechtgeredet werden, weil sie nicht passgenau verwendet werden und man dann den erfolgreichen Entwicklern auch noch vorwirft, sie seien die "Betrüger".
Deshalb, lass dich nicht ärgern, versuche es als Ehre zu sehen und bleib weiter der offene Mensch, der du bist. Es wäre schlimm, wenn man nur, weil sich andere wenig respektvoll verhalten, die eigene Persönlichkeit zum negativen ändert.
LG Olivia

vom 10.09.2016, 18.58
Antwort von Susanne Schäfer:

Oh, das ist in der Tat eine bittere Erfahrung. Danke, dass du so ausführlich berichtet hast. Ich dachte mir schon, dass dieses Phänomen nicht nur lokal auftritt.
Ich kann Dir nur wünschen, dass die positiven eigenen Erfahrungen mit Deinem Konzept den Ärger
überwiegen!
Ganz liebe Grüße
Susanne
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Anne
Liebe Susanne, erst einmal ein großes Lob für die vielen liebevoll gestalteten Dinge. Ich möchte im neuen Schuljahr auch eine Eisbärenklasse starten. Gibt es schon Schilder für die Tafel mit den Unterrichtsstunden? LG
21.5.2017-17:17
Melanie
Liebe Susanne,
vielen Dank für deine tollen Texte, darin kann man sich wirklich stundenlang verlieren!
Am Schuljahresanfang hattest du Auf- und Einräumbilder deines Klassenraumes gepostet, mich würde mal interessieren, wie es jetzt so bei dir aussieht, nachdem darin schon eine ganze Weile gelebt wird.
Es grüßt dich ganz herzlich,
Melanie
14.5.2017-19:18
Pepe
Weil nicht sein darf, was nicht sein soll! Mutige, offene Worte. Vielen Dank dafür, Susanne. Genau so sieht es aus.
23.2.2017-16:37
Melli
Liebe Susanne, ich möchte gerne die Gelegenheit nutzen, um dir ganz ganz herzlich für die tolle Idee und natürlich deine süßen Materialien zum Märchentag zu danken. Wir begehen seither den "Märchenfreitag" (stundenplanbedingt) und meine Erstklässler lieben es! Gerade für meine sehr spracharmen Kinder ist es eine tolle Möglichkeit, den Wortschatz zu erweitern und sie zum Sprechen und Erzählen anzuregen. Und ähnlich wie du habe auch ich einen ungemeinen Spaß daran, jede Woche ein neues Märchen vorzubereiten und mal keine Buchstabeneinführung ö.ä. zu machen. Also lieben, lieben Dank!!!
18.2.2017-11:02
Angelika
"Menschen" wie "immer wieder" sollte man einfach ignorieren, Ernst nehmen kann man das nicht. Peinlich trifft es auch ganz gut.
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Hallo Frau Schäfer, an unserer Schule gibt es
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Liebe Frau Schäfer!Natürlich blutet einem irg
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Birgit:
Liebe Susanne,ich kann die Entscheidung der S
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Zitat aus Blogbeitrag: "einem Kind einmal wöc
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Liebe Susanne,ich finde das klasse! Ich wünsc
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