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Inklusive Herausforderungen

"Fördermöglichkeiten der Grundschule wurden noch nicht ausgeschöpft" - so lautet es häufig in den Ablehnungen zur Eröffnung einer Überprüfung des sonderpädagogischen Förderbedarfs. Und ja, das ist vom Grunde her richtig, wird den Kindern, die es betrifft aber leider nicht gerecht und stellt uns vor ganz neue Herausforderungen.




Bei der Herrichtung des Klassenraumes vor der Einschulung dachte ich, wir wären materialmäßig äußerst gut und vielseitig aufgestellt. Im Zuge des ersten Halbjahres stellte sich nun aber heraus, dass dem nur bedingt so ist. Konfrontiert mit Krankheitsbildern und Beeinträchtigungen, die mir bislang fremd waren, begann nun die Suche nach neuen Arbeitsmitteln, neuen Motivationsmöglichkeiten und noch mehr Differenzierung.

Ich erlebte, dass Materialien, die mir in den Vorjahren gute Dienste geleistet hatten, nun nicht angenommen werden, zu schwer zu handhaben sind oder noch nicht verstanden werden.

Anders als in den Vorjahren gibt es nur eine sehr kleine leistungshomogene Gruppe innerhalb der Klasse, so dass eine Dreifachdifferenzierung längst nicht mehr ausreicht.

Neben motorischen Förderbedarfen gilt es häufig die Wahrnehmung zu schulen und im Förderschwerpunkt "geistige Entwicklung" noch kleinschrittiger zu arbeiten als ohnehin schon vorgesehen.

Noch seltener als sonst finde ich fertige Materialien und Lernspiele, die zu der Klasse passen. Das in den Vorjahren heiß geliebte und häufig genutzte Nikitin Material wird nicht angenommen und verstaubt im Regal.

Allen Kinder zu eigen ist, dass sie ein großes Bedürfnis haben zu spielen. Der "Offene Anfang" an unserer Schule wird grundsätzlich für freies Spiel, Bauen mit schlichten Bauklötzen oder Konstruieren von Fahrzeugen mit geeigneten Materialien genutzt.

Es herrscht eine hohe Sozialkompetenz und Hilfsbereitschaft innerhalb der Klasse und die Kinder nehmen sich gegenseitig, vorbehaltlos, so an, wie sie sind.
Es ist gänzlich unproblematisch, dass jeder an unterschiedlichen Inhalten und mit unterschiedlichen Materialien arbeitet, nur die geeigneten Materialien zu finden gestaltet sich mitunter als schwierig.

Ich habe neulich auf gpaed.de die strukturierten Arbeitsmappen entdeckt und fand die Art und Weise, Material anzubieten zunächst perfekt für einige Kinder meiner Klasse. Die Vorteile sind:

* das Material nimmt wenig Platz weg
* es geht selten etwas verloren
* es besteht eine gute Überschaubarkeit
* das Material ist leicht zu transportieren
* es lässt sich vielfältig und für alle Lernbereiche erstellen und nutzen


In der Praxis haben sich die Mappen gut bewährt und ich werde sicherlich noch weitere Mappen erstellen. Die Nachteile jedoch sind zum einen, dass sich das Klettband durchaus manchmal nur schwer lösen lässt und zum anderen, dass die steten ratschenden Geräusche in einer großen Lerngruppe durchaus störend sein können.

Also geht die Suche weiter und ich erstelle gerade Material für eine Art magnetische Lernstation, das sicherlich leise und vielseitig zu handhaben sein wird, jedoch nicht mobil genug ist, um es mit nach Hause zu geben oder gut zu transportieren. Dafür wird es als eine Art feste Lernstation innerhalb der Klasse installiert sein und vielen Kindern die Möglichkeit geben, damit zu arbeiten.





Problematisch ist, dass die Arbeitskärtchen eine gewisse Größe nicht unterschreiten dürfen, damit alle Kinder sie gut handhaben können. Das führt dazu, dass immer nur wenige Karten auf die einfache Magnettafel passen.
Die Übersichtlichkeit ist jedoch gegeben und somit werde ich das Material einfach testen.

Für die Kärtchen nutze ich ein Teeregal, das neulich in einem anderen Blog vorgestellt wurde und günstig in diversen Läden angeboten wird.
Magnetisch ist das Material, damit die Kärtchen nicht lose herumliegen und auch mal durch die Klasse getragen werden kann.

Ob es sich bewährt, wird sich zeigen.

Das Inklusionsmaterial, das die einzelnen Verlage anbieten, überschreitet häufig die Kompetenz vieler Kinder unserer Lerngruppe. Einzelne Seiten sind dann nutzbar, doch dafür ist das Material häufig zu teuer.
Anders sieht es für die Kinder ohne spezielle Förderbedarfe aus. Hier ist der Markt tatsächlich überschwemmt mit vielseitigen Vorlagen und Materialien und es ist selten schwierig, etwas Geeignetes zu finden.

Eine Lehrerin der weiterführenden Schule fragte mich neulich, ob die Schere, die da zwischen den Kindern im ersten Schuljahr bestünde, am Ende der Vier nicht mehr vorhanden wäre und wir wir das bewirken würden.
Als ich antwortete, dass sei gar nicht unser Ziel, gab es Erstaunden und Irritation. Was denn unser Ziel sei, wollte sie wissen.

Unser Ziel kann es nur sein, jedes Kind bestmöglich zu fördern und vor allem auch zu fordern. Das bedeutet ganz sicher nicht, dass am Ende des vierten Schuljahres alles dasselbe gelernt haben und können. Wie denn auch? Sind wir doch alle keine Zauberer!

Wir können den Kindern immer nur eine solide Grundlage nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten geben und die sind - insbesondere im Zuge der Inklusion - unterschiedlicher denn je.

Aus allen das Bestmögliche "herauszukitzeln" ist die Herausforderung vor der wir stehen und das unter Berücksichtigung der Tatsache, dass wir auch nur Menschen sind.
Menschen mit einem Privatleben und Grenzen - zeitlicher und kräftemäßiger Art.

Das nicht aus den Augen zu verlieren sollte unser vorrangiges Ziel sein.
Denn verbrauchte, frustrierte Lehrer motivieren niemanden. So wie wir die Grenzen der Kinder erkennen und akzeptieren, müssen wir lernen, unsere Grenzen wahrzunehmen und zu achten.

Ich warte immer noch darauf, dass Entscheidungsträger unseren Unterricht besuchen und bewusst wahrnehmen, welche Herausforderungen täglich auf uns warten.
Konzepte am Schreibtisch zu entwickeln ist einfach, Papier ist geduldig, aber das wahre Schulleben braucht weniger Papier als viel mehr Ressourcen, Geld und neue Ideen.

Ich bin glücklich mit meiner Lerngruppe, weil es zauberhafte Kinder sind, die mich jeden Morgen erwarten.
Aber ich habe kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich nicht täglich jedem einzelnen Kind gerecht werden kann.
Ich versuche es, ich versuche es gerne und immer wieder, aber ich bin auch bereit die Grenzen der Inklusion zu erkennen und zu akzeptieren.

Auch wenn ich sie liebend gerne überwinden würde!

Susanne Schäfer 29.01.2017, 09.03

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Kommentare zu diesem Beitrag

11. von Anna

Zum Thema Inklusion könnte ich jetzt als Förderschullehrerin viieeel schreiben. Ich finde es immer toll, wenn die Regelschullehrer die Kinder so annehmen wie sie sind und vor allem selbst nach Möglichkeiten zur Förderung suchen, statt dies immer nur "uns" zuzuschienen.
Und mich würde interessieren, was für ein Teeregal es ist. Eine schnelle Suche hat nichts ergeben.

vom 30.01.2017, 18.20
Antwort von Susanne Schäfer:

Das Regal war in einem anderen Blog verlinkt, aber ich finde weder Blog noch Eintrag wieder.
:-(
10. von Anna

Zum Thema Inklusion könnte ich jetzt als Förderschullehrerin viieeel schreiben. Ich finde es immer toll, wenn die Regelschullehrer die Kinder so annehmen wie sie sind und vor allem selbst nach Möglichkeiten zur Förderung suchen, statt dies immer nur "uns" zuzuschienen.
Und mich würde interessieren, was für ein Teeregal es ist. Eine schnelle Suche hat nichts ergeben.

vom 30.01.2017, 18.15
Antwort von Susanne Schäfer:

Das Teeregal ist dieses hier.
ABER hier im Link ist es viel zu teuer. Das gibt es anderswo sehr viel günstiger, also in so TEDI Läden und so.
:-)
9. von barbara

Liebe Susanne,
nur kurz (vielleicht schaffe ich es in den nächsten Tage mich noch länger zu äußern): JA, ich kann dir in allem, was du schreibst (leider) nur zustimmen. Inklusion ist schwer und anstrengend und frustrierend und zum Glück doch immer wieder schön und bereichernd! Das Bereitstellen und Finden oder selber basteln von passenden Lernmaterialie ist schwierig und zeitraubend, deshalb immer wieder mein großer Dank an dich, dass du deine Materialien mit uns teilst! Du trägst auf jeden Fall so täglich dazu bei, dass meine Schüler besser gefördert werden können. Dein Material passt nicht für jeden, aber eben für manche. Ich bin dankbar, einen großen Fundus zu haben aus dem ich dann versuche das richtige für jedes Kind zu finden.
Danke für deine Arbeit, die über deine Klasse hinaus hilft!
LG Barbara

vom 30.01.2017, 09.17
Antwort von Susanne Schäfer:

Liebe Barbara,
mich freut Deine Rückmeldung.
:-)
Dafür danke ich Dir herzlich.
8. von Cubi

Ich kann die Nachfrage und das Erstaunen der Sek1-Kollegin nachvollziehen, wenngleich ich es nicht teile. Bildungsstandards Klasse 4, vera und bei uns in Brandenburg Orientierungsarbeiten in 2 und 4 zeigen uns auf, dass es letztendlich doch wieder darum geht, dass alle auf den Baum klettern können. Wie individuell und differenziert einhergeht mit Benotung und o.g. Arbeiten .. das zeigt keiner. Dem Druck zu trotzen ist eine der höchsten Künste von uns Grundschullehrern.
Liebe Grüße cubi

vom 30.01.2017, 08.31
Antwort von Susanne Schäfer:

Liebe Cubi,
ja, das ist wahr. Das sehe ich ganz genauso wie Du.
Danke, dass Du Deine Gedanken hier aufgeschrieben hast.
7. von Jörg

Liebe Susanne, als Lehrer für Sonderpädagogik finde ich Deine pädagogische Haltung und die sehr sinnvolle Umsetzung Deiner Ideen in TEACCH-Materialien wunderbar. Vielen Dank dafür. Ein kleiner Tipp: die rauhe Klettfläche durch Watte ziehen, so dass einige Wattefäden hängen bleiben, dann lässt sich der Klett viel leichter lösen.
Inklusion fuktioniert nur, wenn LehrerInnen offen den Schüler gegenüber sind und sie mit individuellen, differenzierten und auch gut visualisierten Materialien unterstützen (Noch ein Tipp: für Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung kann es sinnvoller sein, Material nur in schwarz-weiß anzubieten). Das kann eigentlich nur in permanenter Doppelbesetzung passieren. In der Grundschule, mit ihren offeneren Kompetenzerwartungen, kann Inklusion gut gelingen, auch wenn es eine enorme Kraftanstrengung ist. Ich erlebe Inlusion auch zum Teil in der Sekundarstufe I, was mich zeitweise verzweifeln lässt. Oft erlebe ich Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Lernen, die kaum gefördert werden und Unterrichtsstunden nur absitzen. Schüler, die eigentlich wichtige lebenspraktische Dinge lernen müssen und schlichtweg vergessen werden. Das gibt mir sehr zu denken. Ich bin oft dankbar, noch an einer Förderschule arbeiten zu dürfen und individuellen Unterricht für jeden Schüler machen zu können.
Viele Grüße
Jörg

vom 29.01.2017, 21.14
Antwort von Susanne Schäfer:

Vielen lieben Dank für diese ausführliche und konstruktive Rückmeldung!
6. von Susanne

Noch was vergessen:
Wenn man für die Klettmappen kleinere Stücke Klett nimmt (also kleiner schneidet) dann ratscht es nicht so laut und man kann mehr Mappen bestücken ;-)

vom 29.01.2017, 20.08
Antwort von Susanne Schäfer:

Oh, danke, toller Tipp.
5. von Susanne

Liebe Susanne,
es ist eine Illusion zu glauben, jedem Schüler jeden Tag gerecht zu werden - leider.
Aber ich lese die Leidenschaft heraus, es jeden Tag zu versuchen. Davor ziehe ich meinen Hut. Ich bin selber Sonderschullehrerin in einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung, arbeite also mit kleinen Lerngruppen von 6-10 Schülern. Und auch wir stehen jeden Tag vor dem Problem, nicht jedem gerecht zu werden.
Es erschreckt mich, dass es immer noch Kollegen gibt, die glauben, Inklusion diene der Gleichmacherei. Du schreibst selber, Ziel ist es, jedes Kind nach seinen Möglichkeiten zu fördern und zu fordern. Genau das ist es. Wir werden aus einem Kind mit einer geistigen Behinderung keinen Realschüler "zaubern" und auch ein Kind mit einer Hochbegabung muss das Recht haben, hochbegabt bleiben zu dürfen. Die Welt ist nunmal bunt - und das ist auch gut so.
Die Kinder, die jetzt die Möglichkeit haben, Inklusion mit dieser Leidenschaft zu erleben sind die nächste Generation, die die Inklusion vorantreiben werden, weil sie ein anderes Menschenbild und Verständnis erlangt und vorgelebt bekommen haben.
Inklusion ist ein langer und langsamer Prozess.


vom 29.01.2017, 19.50
Antwort von Susanne Schäfer:

Ohne Illusionen und Visionen wäre es traurig um unseren Beruf bestellt, glaube ich.
Doch manchmal hilft nur der realistische Blick.

Danke für Deine ausführliche Rückmeldung!
4. von Annika

Liebe Susanne,

du sprichst mir aus der Seele. Ich würde so gerne jedem Kind gerecht werden, aber der Schulalltag, meine Zeit und meine Kraft lassen dies leider nicht zu. Zudem ärgere ich mich über Eltern, denen wir an unserer Schule erklären, dass wir ihrem Kind nicht gerecht werden können, da es z.B. noch nicht richtig schulreif ist oder einen zu großen Förderbedarf hat, dass Sie uns nicht dabei unterstützen und uns dann noch vorhalten, dass wir uns zu wenig Zeit für Ihr Kind nehmen usw.

Ich hoffe auch, dass unsere Politik und die Gesellschaft irgendwann erkennen werden, was unsere Aufgabe ist und was wir dafür alles benötigen! Und dass auch alle Kolleginnen und Kollegen erkennen, dass das Kind im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen sollte und wir es fördern und fordern sollen.

VIelen Dank, dass du uns Kolleginnen und Kollegen so unterstützt mit dem Teilen von Materialien und Wissen.
Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Durchhaltevermögen!
Liebe Grüße
Annika

vom 29.01.2017, 12.12
Antwort von Susanne Schäfer:

Eltern haben - so glaube ich - zu wenig Einblick in den Schulalltag, um ermessen zu können, welch vielfältige Anforderungen an uns Lehrer gestellt werden.
Sie sehen in erster Linie sich und ihr eigenes Kind und dessen Bedürfniss, wünschen sich das Bestmögliche und sind sicherlich selbst manchmal hilflos.

Es gibt aber zum Glück ausreichend andere Eltern, die die Situation durchschauen und realistisch wahrnehmen (können).
Ich wünsche Dir weiterhin viel Elan, Kraft und Durchhaltevermögen und das Erkennen, wann eben etwas nicht mehr geht.
Liebe Grüße und Dir einen schönen Sonntag.
Ich habe mich sehr über Deinen netten Kommentar gefreut.
3. von Spilla

Ja, die Schere sollte sich schließen, nicht nur für die Mittelschule, sondern am besten schon für die ersten Kompetenztests in der 3. Klasse. Wozu differenzieren wir dann eigentlich? Und nun ja, auch für Eltern ist es nicht immer leicht zu verstehen, dass Individualisierung nicht bedeutet, dass ihr Kind dann auch alles kann, was die anderen können. Wirklich eine Gratwanderung. Ganz zu schweigen davon, wenn es dann auch noch Gruppen sind, in denen es verhaltenskreative bzw. gewalttätige Kinder gibt. Sie haben das Stichwort gegeben Grenzen der Inklusion erkennen und akzeptieren. Und ohne zusätzliche Ressourcen, ich meine jetzt Personal, wird es ein Kraftakt ohnesgleichen. Ich spreche jetzt durchaus aus Erfahrung, da wir das in Italien ja schon seit Jahrzehnten haben. Am Anfang waren die Personalressourcen durchaus großzügig und man konnte viel erreichen. In den letzten 15 Jahren nahmen sie immer mehr ab. Es gibt heute also mehr Kinder mit Förderbedarf und den dazugehörigen Rechten und Bedürfnissen, aber mit keinem Recht auf zusätzliche, personelle Ressourcen. Der Großteil davon muss lernzielorientiert unterrichtet werden. Augenauswischerei nennen das inzwischen viele Kolleginnen und Kollegen.
Einen lieben Gruß
Spilla

vom 29.01.2017, 10.37
Antwort von Susanne Schäfer:

Ja, das ist ein Kraftakt, um so wichtiger, die Grenzen zu erkennen.
Es stimmt, dass die Elternsicht noch einmal eine ganz andere ist - durchaus verständlich, da der Fokus immer auf dem eigenen Kind liegt.
Ich finde es spannend zu  lesen, wie es in anderen Ländern zugeht und danke Dir herzlich für Deinen erneuten ausführlichen Kommentar!
Dir einen schönen Sonntag und liebe Grüße!
2. von Ellen

Liebe Susanne,

tief berührt und beeindruckt habe ich eben diesen Blog-Eintrag gelesen. Vieles von dem, was du dort beschreibst, habe ich in den vergangenen 2 1/2 Jahren auch erlebt. Damals habe ich meine erste 1. Klasse (zugegeben an einem Förderzentrum mit kleinerer Lerngruppe von 10 Kindern) übernommen. Kam jedoch mit den extrem heterogenen Lernvoraussetzungen schnell an meine Grenzen. (Zwischen GE und Hochbegabung ist kognitiv alles dabei, hinzu kommen hochgradig traumatisierte Kinder, Kinder mit einer Sprach- oder Sehbeeinträchtigung und Kinder mit körperlich-motorischen Einschränkungen, von denen mir ein Kind in der ersten Klasse vor Erschöpfung regelmäßig am Vormittag einschlief.)
Heute sehe ich viele Dinge, die du oben beschrieben hast, als ein großes Geschenk, da sie mir die Arbeit unendlich erleichtern.
Zum einen sind es alles wunderbare Kinder, die gern in die Schule kommen, sich auf viele Dinge mit mir einlassen und mit ihrem Wesen mein Schulleben unheimlich bereichern.
Zum anderen nehmen auch meine Schüler sich gegenseitig so an, wie sie sind und akzeptieren, dass sie mit unterschiedlichen Materialien und mittlerweile auch zu sehr unterschiedlichen Themen arbeiten. Sie sind überwiegend sehr sozial und emotional gefestigt und fangen die emotional schwächeren Kinder häufig besser auf, als ich es kann.
Hinzu kommt, dass die Kinder trotz oder wegen ihrer Unterschiedlichkeit viel voneinander lernen und das kann ich ganz oft gar nicht beeinflussen. Auch ich kenne dieses Gefühl, nicht jedem Kind jeden Tag gerecht werden zu können, geschweige denn, es adäquat fördern zu können. Wenn ich dann jedoch meine Schultage für mich reflektiere, dann stelle ich immer wieder verwundert fest, wie viel die einzelnen Kinder an diesem Tag geleistet haben oder für sich mitnehmen konnten. Vieles davon war aber ganz oft nicht geplant und hätte garantiert nicht in einem Unterrichtsentwurf gestanden, sofern ich denn einen geschrieben hätte. ;-) Ich habe gelernt, den Fokus ein bisschen weg von mir als Lehrperson hin zu den Kindern als Co-Lehrer lenken zu können. Was mir bestimmt nichts von der Last meiner Verantwortung nimmt! Aber es erweitert die Möglichkeiten des Miteinander-Lernens doch sehr.
Auch ich wünsche oft, dass jemand von Außen sich unsere Arbeit ansehen und die Grenzen erkennen würde. Denn es mangelt auch bei uns an Personal, Material, an Räumlichkeiten und mir persönlich vor allem an Zeit!

Nur ganz kurz zum Schluss: Während bei euch die Fördermöglichkeiten an der Grundschule noch nicht ausgeschöpft wurden und somit der sonderpädagogische Förderbedarf für das Kind verwehrt bleibt, erleben wir es oftmals anders herum! Wenn wir die Verlängerung des sonderpädagogischen Förderbedarfs für bestimmte Schüler beantragen und diese dann von außenstehenden Sonderpädagogen "begutachtet" werden, wird uns die Verlängerung des sonderpädagogischen Förderbedarfs verwehrt, weil der Schüler in dem gebotenen Rahmen lernen und sich entwickeln kann und sich am Tag der Begutachtung absolut unauffällig zeigt! Es wird völlig außer acht gelassen, dass es eben ein besonderer Rahmen ist, den wir bieten!

Liebe Susanne, ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Energie für das Arbeiten an deiner Schule und mit deinen Schülern. Hab vielen herzlichen Dank dafür, dass du uns so an deiner Gedankenwelt teilhaben lässt. Das erlebe ich für mich als große Bereicherung und auch Entlastung, wenn ich sehe, das es anderen eben auch so geht!
Liebe Grüße aus Berlin! Ellen

vom 29.01.2017, 10.23
Antwort von Susanne Schäfer:

Vielen herzlichen Dank, dass Du so ausführlich beschreibst, wie es Dir ergeht. Insbesondere, weil Du in einem anderen System arbeitest und ich nach wie vor den Eindruck habe, wir müssten viel häufiger über den Tellerrand schauen und noch enger mit anderen Schulen kooperieren.
Du hast Recht: Die Kinder sind unfassbar toll!

Was die Kinder als Co-Lehrer angeht, so finde ich das klasse, aber ich möchte bitte auch nicht, dass das Co-Lehrerdasein die Kinder in ihrem eigenen Lernen bremst. Da die Balance zu halten ist schwierig, wobei die Kinder das meist sehr gut selbst regulieren können.
:-)
1. von Kerstin

Hallo Susanne,
Du sprichst mir aus der Seele. So wie du deine Klasse beschreibst, erlebe ich meine jetzige Klasse auch. Gänzlich verwöhnt vom letzten Durchgang stoße ich nun täglich an meine Grenzen. Ich will, ich versuche, bemühe mich, strample mich ab... Dennoch bin ich frustriert, dass ich es nicht schaffe, jedem Kind das zu geben, was es braucht. Die Vorbereitungszeiten nehmen einen immens großen Raum ein. Ich bin immer auf der Suche nach passendem Material für die jeweiligen Kinder. Oft gibt es nichts, sodass man selbst vergrößert, umgestaltet, laminiert, schnippelt...
Aber Spaß macht es trotzdem.

vom 29.01.2017, 10.22
Antwort von Susanne Schäfer:

Hallo Kerstin,

danke für Deine nette Rückmeldung. Schön zu lesen, dass es anderen genauso geht. Ich versuche mich nicht frustrieren zu lassen und den Blick auf das zu lenken, was gut gelingt.
Das ist nicht immer möglich, aber oft.
Dir einen lieben Gruß und einen schönen Sonntag!
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Anne
Liebe Susanne, erst einmal ein großes Lob für die vielen liebevoll gestalteten Dinge. Ich möchte im neuen Schuljahr auch eine Eisbärenklasse starten. Gibt es schon Schilder für die Tafel mit den Unterrichtsstunden? LG
21.5.2017-17:17
Melanie
Liebe Susanne,
vielen Dank für deine tollen Texte, darin kann man sich wirklich stundenlang verlieren!
Am Schuljahresanfang hattest du Auf- und Einräumbilder deines Klassenraumes gepostet, mich würde mal interessieren, wie es jetzt so bei dir aussieht, nachdem darin schon eine ganze Weile gelebt wird.
Es grüßt dich ganz herzlich,
Melanie
14.5.2017-19:18
Pepe
Weil nicht sein darf, was nicht sein soll! Mutige, offene Worte. Vielen Dank dafür, Susanne. Genau so sieht es aus.
23.2.2017-16:37
Melli
Liebe Susanne, ich möchte gerne die Gelegenheit nutzen, um dir ganz ganz herzlich für die tolle Idee und natürlich deine süßen Materialien zum Märchentag zu danken. Wir begehen seither den "Märchenfreitag" (stundenplanbedingt) und meine Erstklässler lieben es! Gerade für meine sehr spracharmen Kinder ist es eine tolle Möglichkeit, den Wortschatz zu erweitern und sie zum Sprechen und Erzählen anzuregen. Und ähnlich wie du habe auch ich einen ungemeinen Spaß daran, jede Woche ein neues Märchen vorzubereiten und mal keine Buchstabeneinführung ö.ä. zu machen. Also lieben, lieben Dank!!!
18.2.2017-11:02
Angelika
"Menschen" wie "immer wieder" sollte man einfach ignorieren, Ernst nehmen kann man das nicht. Peinlich trifft es auch ganz gut.
15.1.2017-17:32
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Sissi :
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Klara:
Hallo Frau Schäfer, an unserer Schule gibt es
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Kerstin:
Liebe Susanne,vieeelen Dank für diese tolle I
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