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Nachdenkzeit

Es gibt diese Tage, da umgibt mich vielleicht eine miese Aura. Mit Betreten des Klassenzimmers scheint sie hinterrücks, heimlich, still und leise dazu aufzufordern sich unter Tische und Bänke zu setzen, Spucke auf Hefte zu verreiben, um zu sehen, was geschieht. Papierkügelchen zunächst zu essen, dann auszuwürgen und durch die Klasse zu werfen oder gar mal zu testen, wie schmerzempfindlich der Tischnachbar eigentlich ist.

Das mag nun nach Chaos und Anarchie klingen, aber meine Aura sucht sich in der Regel nur ein einziges Kind aus, dass dann aber auch selbstverständlich sehr empfänglich für derartige Experimente ist.

So einen Tag hatten wir neulich. Das Kind fand nicht in seine Arbeit, ich fand nicht das rechte Angebot für das Kind. Auf meine zunächst freundlichen, später zunehmend weniger netten Ermahnungen reagierte das Kind immer sehr charmant mit: "Okay, ich benehm mich jetzt!" Und der gute Vorsatz war wirklich da, ich sah das, allein es klappte an diesem Tag einfach nicht.




Als die anderen Kinder zu sehr drangsaliert wurden, wir befanden uns mittlerweile auf dem Schulhof, bat ich das Kind zu einer Nachdenkzeit zu mir. Da saß es nun brav und erklärte mir sehr zerknirscht: "Okay, Frau Schäfer, ich denk jetzt nach!"

"Das ist eine gute Idee. Du könntest darüber nachdenken, wie die anderen Kinder sich fühlen, wenn du ihnen weh tust!"

So saßen wir friedlich nebeneinander und hingen unseren Gedanken nach.

Nach wenigen Minuten wurde das Kind ganz unruhig, hektisch, aufgeregt: "Frau Schäfer, ich hab so sehr nachgedacht. Kann ich wieder spielen gehen?"
Schon da fiel es schwer, dem Charme nicht zu erliegen.
"Worüber hast du denn nun nachgedacht?", wollte ich wissen.

"Über Fußball!", erklärte mir das Kind, als sei es eine Selbstverständlichkeit und meine Frage sehr merkwürdig - wobei, sie war natürlich auch merkwürdig - gleichsam so, als sei alles geklärt und mir wurde wieder einmal bewusst, dass man sich diesen Kindern, ihrer Logik, ihren Gedanken und Gefühlen einfach nicht entziehen kann.

Sie stürmen mitten ins Herz, finden alle ihre Platz und hinterlassen viele minikleine Spuren.
Immer wieder und immer wieder schön.
Wir haben großes Glück!

Susanne Schäfer 21.09.2016, 20.07

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Frau Weh

Liebe Susanne,

ich lese deine Schilderungen so gerne und erkenne mich in vielen Dingen wieder. Ja, wir haben großes Glück, aber wir arbeiten dafür auch mit allem, was wir haben, oder? Und manchmal, recht selten zwar, aber eben doch vorkommend, wünsche ich mir einen weniger emotionalen Beruf. Einen, bei dem irgendwann auch mal "Feierabend" ansteht. Einen, bei dem nicht immer irgendwo das Gefühl mitschwingt, doch noch ein bisschen mehr leisten zu können oder zu müssen..

Hmm ... vielleicht nur eine Phase ...

Dir wünsche ich heute Abend gute Erholung und freue mich mit dir, dass es dir so gut gelungen ist, auch an diesem verqueren Tag das Gute gefunden zu haben!
Herzlichst, Frau Weh

vom 22.09.2016, 19.19
Antwort von Susanne Schäfer:

Liebe Frau Weh,

ich freue mich sehr, dass Du hier liest und Dir auch noch die Zeit für einen netten Kommentar nimmst. Ich verstehe sehr genau, was Du meinst....
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Anne
Liebe Susanne, erst einmal ein großes Lob für die vielen liebevoll gestalteten Dinge. Ich möchte im neuen Schuljahr auch eine Eisbärenklasse starten. Gibt es schon Schilder für die Tafel mit den Unterrichtsstunden? LG
21.5.2017-17:17
Melanie
Liebe Susanne,
vielen Dank für deine tollen Texte, darin kann man sich wirklich stundenlang verlieren!
Am Schuljahresanfang hattest du Auf- und Einräumbilder deines Klassenraumes gepostet, mich würde mal interessieren, wie es jetzt so bei dir aussieht, nachdem darin schon eine ganze Weile gelebt wird.
Es grüßt dich ganz herzlich,
Melanie
14.5.2017-19:18
Pepe
Weil nicht sein darf, was nicht sein soll! Mutige, offene Worte. Vielen Dank dafür, Susanne. Genau so sieht es aus.
23.2.2017-16:37
Melli
Liebe Susanne, ich möchte gerne die Gelegenheit nutzen, um dir ganz ganz herzlich für die tolle Idee und natürlich deine süßen Materialien zum Märchentag zu danken. Wir begehen seither den "Märchenfreitag" (stundenplanbedingt) und meine Erstklässler lieben es! Gerade für meine sehr spracharmen Kinder ist es eine tolle Möglichkeit, den Wortschatz zu erweitern und sie zum Sprechen und Erzählen anzuregen. Und ähnlich wie du habe auch ich einen ungemeinen Spaß daran, jede Woche ein neues Märchen vorzubereiten und mal keine Buchstabeneinführung ö.ä. zu machen. Also lieben, lieben Dank!!!
18.2.2017-11:02
Angelika
"Menschen" wie "immer wieder" sollte man einfach ignorieren, Ernst nehmen kann man das nicht. Peinlich trifft es auch ganz gut.
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Danke für die klaren Worte!Es ist interessant
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Liebe Frau Schäfer,Sie sprechen mir aus der S
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Liebe Susanne, wäre ich nicht so sauer, hätte
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Brigitte Langer:
Ich arbeite seit 38 Jahren an einer Geundschu
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