Blogeinträge (themensortiert)

Thema: Gedanken

Individualisten

Die Balance zu halten zwischen dem, was Kinder zu Individualisten macht und dem Regelgefüge einer Gemeinschaft bzw. Institution wie der Schule ist nicht immer einfach.
Es gibt mittlerweile unzählige Bücher, die anprangern, dass unsere Kinder Egoisten sind, kleine Tyrannen, selbstbezogen, egozentrisch und kleine Prinzen und Prinzessinnen.

In einer Gruppe ist das anstrengend, manchmal wenig konstruktiv und uns als Lehrer oft ein Dorn im Auge.

Andererseits möchten wir die Kinder zu mündigen Bürgern erziehen, sie nicht mundtot machen, ihre eigene Meinung stärken, ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl aufbauen und ihnen verdeutlichen: "Du bist toll, so wie Du bist!"

Und nun müssen wir Wege finden, zwischen beiden Elementen die Balance zu halten.
Entscheiden, wann ist es lohnenswert das Indviduelle zugunsten einer Gemeinschaft oder eventuell des eigenen Lernens aufzugeben bzw. auf Regeleinhaltung und Aufgabenformate zu bestehen.

Im ersten Schuljahr stehe ich sehr oft vor Situationen, in denen ich entscheiden muss: Machen lassen oder intervenieren.
Der bequeme Weg, der Mittelweg, ist nicht immer gegeben und man muss ad hoc entscheiden.
Mal passt es, mal passt es nicht.

Heute, so schrieb ich gestern, wollte ich mich ja mit dem LOSLASSEN beschäftigen und ich habe kläglich versagt.




Meinen Redeanteil wollte ich reduzieren, die Kinder mehr machen lassen, weniger Vorgaben machen, Freiheiten einräumen.
Ich fand, in der Theorie klang das einleuchtend und einfach.

Während man bei kleineren Handgreiflichkeiten ganz sicher sein kann, dass Individualität gerade mal zurückstecken sollte, sah es dann im Unterricht ganz anders aus.

Neulich noch offenherzig die Herzen geliebt, war ich heute sichtlich irritiert, als ich den gemalten Waggon eines Kindes sah. Mit Wasserfarbe und viel Liebe und Motivation gezeichnet - keine Frage.

Im Kreis jedoch hatten wir zuvor besprochen - übrigens eine Idee der Kinder - Äpfel zu zeichnen, um einen großen Apfelbaum zu erschaffen.
Gemeinsam einigten wir uns auf die Bildform und was entstehen sollte.

Nun sah ich also den Waggon.
"Das ist gar kein Apfel!", rief ein Kind und zeigte auf das Bild. "Frau Schäfer, wir wollen doch Äpfel malen!"

"Das ist ein Auto!", erklärte der Künstler und weiter: "Ich will lieber ein Auto malen!"
Während ich noch ganz erleichtert war, weil ich das Auto noch nicht öffentlich als Waggon bezeichnet hatte, entwickelte sich der folgende Dialog:

"Wir haben gesagt, wir malen Äpfel und keine Autos!", sprach ein Kind der Klasse, das recht empört war über das Autobild.

"Ich mag gar keine Äpfel!", erwiderte der Autozeichner.

"Ja, aber man kann nicht immer malen was man will!", erklärte ein anderes Kind "und ein Auto am Apfelbaum geht nicht!"

Ein drittes Kind kam hinzu und ich lauschte gespannt: "Wir haben Äpfel ausgemacht! Und Frau Schäfer wollte Mathe. Und nun malen wir Äpfel!" kurzes ernsthaftes Nachdenken des Kindes, dann: "Oder wir tun so, als ob das Auto die Äpfel dann wegfährt!"

Einstimmiges Nicken.
Alle zufrieden.

Mein Herz geht auf und ich bin stolz auf diese Kinder, die alles so viel einfacher regeln, als ich es je könnte.

Susanne Schäfer 14.09.2016, 19.52 | (3/3) Kommentare (RSS) | PL

Anpassungsschwierigkeiten

Die ersten beiden unterrichtsfreien Ferienwochen waren geprägt vom Umzug. Von all den vielen unterschiedlichen Aktivitäten, Terminen, Räumungen, Planungen und Tätigkeiten, die eben anfallen, wenn eine gesamte Schule in ein anderes Gebäude umsiedelt. Die Zeit verging wie im Fluge, zwar ohne Hetze, aber angefüllt mit motivierender Arbeit.

Sich dann plötzlich und unerwartet im Krankenhaus wiederzufinden, herausgerissen aus der umtriebigen Aktivität, hereinkatapultiert in die erzwungene Passivität führte zunächst dazu, dass ich mich in den ersten Tagen - auf eine Operation wartend - innerlich unruhig, zwangsweise ruhiggestellt und voller Kribbeln fühlte.
Der behäbige Rhythmus des Krankenhaus, die Operation, das viele Liegen und Nichtstun haben dazu geführt, dass ich nun - wieder daheim - Schwierigkeiten habe, wieder in die Arbeit zurückzufinden.



Die Tage vergehen nichtstuend und lesend, Planungen und Ideen bleiben vorerst nur Gedanken und hin und wieder - in einer Schrecksekunde - wird mir klar,
dass noch sehr viel zu tun ist.

Am kommenden Montag beginnen unsere Feriencamps. Die entsprechenden Räume sind vorbereitet, die Mitarbeiter auch, aber dennoch plagt mich das Gefühl etwas tun zu müssen.

Andererseits erscheint es mir so, als bräuchte ich dringend noch einige Tage wirklicher Auszeit, krankenhauslos, um dann wieder gut und gesund und voller Elan beginnen zu können.

Also habe ich mich entschlossen, das schlechte Gewissen zu ignorieren und mir bis Montag eine Auszeit zu gönnen. Die Arbeit wird warten können, es liegt nichts an, was heute oder rmorgen besser erledigt werden könnte als noch nächste Woche.

Dass der Blog ruht, bedeutet nicht, dass die Gedanken ruhen, aber hier wird es erst wieder betriebsamer zugehen, wenn es wieder konkreter wird.
Mittlerweile sind die Sommerferien in allen Bundesländern angekommen, in einigen bald schon wieder vorbei. Bleibt, allen Kolleginnen und Kollegen eine erholsame Auszeit zu wünschen!

Susanne Schäfer 02.08.2016, 10.31 | (12/12) Kommentare (RSS) | PL

ALLES ist einfach zu wenig

Stundenplanbesprechung mit der Musikschule.
Wie in jedem Jahr ringen wir um die vielen JeKi und mittlerweile auch JeKITS Stunden und wie bereits seit mehreren Jahren frage ich mich, warum wir nicht den Mut haben, dieses Projekt an unserer Schule auslaufen zu lassen.....



Wir inkludieren Kinder mit den unterschiedlichsten Förderschwerpunkten, schulen zunehmend früher bzw. jünger ein, integrieren Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse, unterrichten Englisch ab Klasse 1, fördern und fordern, holen jedes Kind dort ab, wo es steht, leben mit gänzlich überfrachteten Lehrplänen, bemühen uns um JeKi und JeKITS und erkennen in all dem Wust nicht, dass das ALLES viel zu wenig ist für unsere Kinder.

Denn längst schon machen wir nichts mehr richtig, sondern alles halb.
Weniger wäre mehr.
Mehr WERT für unsere Kinder.

Das zu sagen ist nicht Mainstream. Das öffentlich zu äußern nahezu empörend. Klingt es doch danach, als gönne man den Kindern den musischen Genuss nicht. Die gänzlich andere Lebenserfahrung und kulturelle Bereicherung.

Was ich unseren Kindern vor allem gönne ist ein Lernen Ruhe und Muße. Zeit für das Lernen, das Ausprobieren. Lernen ohne Hetze. Alles mitzumachen, jedes Projekt zu unterstützen, den Vormittag noch voller werden zu lassen ist zu wenig für unsere Kinder.
Sie haben viel mehr verdient.

Sie haben es verdient, sich mit einer Sache so lange auseinanderzusetzen, bis sie sie begriffen, erlebt, durchlebt, erfahren haben.
Das ständige Anreißen von unzählig vielen Lernmomenten und unterschiedlichen Projekten bleibt nicht nachhaltig.
Vordergründiger Aktivismus, der eine tolle Außenwirkung hat, den Kindern aber keine neuen Erfahrungsräume erschließt, sondern zu Stress führt.

Natürlich ist es für Eltern eine tolle Sache, wenn die Kinder im Vormittagsbereich in den Genuss einer instrumentalen Ausbildung kommen.
Nur zu welchem Preis?
Was für die Eltern bequem ist, ein Nachmittagstermin fällt weg, bedeutet für die Kinder eine noch vollgestopftere Schulwoche. Ein nahezu unmöglich zu leistendes Organisationspensum.

Ich sehe meine eigene Tochter noch heute in Klasse 2 mit Tornister, Turnbeutel und Gitarrenkoffer zur Schule gehen. Leider gab es an ihrer Schule nicht die Möglichkeit, Jeki freiwillig mitzumachen, sondern jeder musste, ob er wollte oder nicht.

Bei uns muss nicht jeder, aber viele möchten. Viele Eltern. Bei den Kindern bin ich mir da nicht so sicher.

Nach fünf Stunden Unterricht folgt die Jekistunde. Natürlich ist die Konzentration und Motivation nicht so gegeben, wie am Nachmittag, wenn Kinder möglicherweise freiwillig Musikschulunterricht nehmen.

Kaum jemand macht sich klar, welch volle Woche die Kinder mittlerweile schon in der Grundschule haben.
Wir machen eben ALLES.
Und das klingt erstmal toll.
Ist es aber nicht.

Die Musikschule hier vor Ort leistet eine hervorragende Arbeit. Die JeKistunden an allen Schulen zu organisieren,  von Schule zu Schule zu hetzen, immer unter Zeitdruck zu stehen, Kinder an Instrumenten zu unterrichten, die möglicherweise gar nicht "ihre" sind - all das ist mit einer hohen Belastung verbunden und ich zolle den Kolleginnen und Kollegen all meinen Respekt.


Als Mama oder Papa möchte man selbstverständlich das Beste für das Kind. Und das Beste heißt in unserer Gesellschaft: Möglichst viel, möglichst früh!
Ich halte das für den gänzlich falschen Ansatz.

Da wundern wir uns, dass Kinder bereits hektisch sind, unruhig, unkonzentriert.
Das darf uns nicht wundern, denn wir machen die Kinder zu dem, was sie sind.
Wir überfrachten und überladen, immer im besten Sinne und guten Glauben, aber längst nicht gut getan.

Ich möchte zurückkehren zur Langsamkeit. Zur Nachhaltigkeit, zur Sinnhaftigkeit.
Nicht jedes Kind muss ein Instrument erlernen. Vielleicht fangen wir ersteinmal mit der deutschen Sprache an und lernen nacheinander und nicht zeitgleich ALLES.
Das macht unsere Kinder nicht zu klügeren, besseren, schnelleren, tolleren, begabteren Menschen.
Es vereitelt unseren Kindern die Chance auf angemessenes und geruhsames Lernen.

Je mehr Projekte, Vorhaben und Kooperationspartner wir in die Schule holen, je lebendiger wird es bei uns.
Aber lebendig ist nicht immer so positiv, wie es klingt.
Raumorganisation, Übergänge, fliegende Wechsel bringen vor allem eine Unruhe in die Schule, die nicht immer förderlich ist.

Alles machbar, alles organisierbar, alles strukturierbar, aber auf Kosten aller Beteiligten.

Wir holen mehr und mehr in unsere Schulen und überfrachten das System. Auch unser Schulvormittag hat nur sechs Stunden. Und Kinder brauchen Raum und Zeit zum Kindsein und Spielen. Für fantastische Kinderwelten bleibt kaum Zeit, weil die Tage exakt durchgetaktet sind.

Ich bedauere diese Entwicklung sehr. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sie zu viel Gutem führt.

Aber als Schulleitung entscheidet man nicht (immer) autark und uneingebunden.

Versuchen wir also an anderer Stelle nachhaltig und in Ruhe zu agieren und Lernräume  und -möglichkeiten zu schaffen, die den Kindern entgegenkommen.
Wenn uns das gelingt, gelingt uns viel.

Susanne Schäfer 23.06.2016, 20.06 | (12/12) Kommentare (RSS) | PL

Wertschätzung

Heute nahm sich eine Kollegin die Zeit, mich kurz an die Seite zu nehmen um mir von einem Gespräch mit einer mir unbekannten Kindergartenleitung zu berichten. Diese Kindergartenleitung hatte sich sehr anerkennend und wertschätzend über die Arbeit an unserer Schule geäußert.
Und mich freute das!



Im Umgang mit den Kindern sparen wir nicht an Lob und Anerkennung. Sparsamer sind wir untereinander, noch weniger aktiv diesbezüglich im Umgang mit Eltern.
Dabei kennt jeder das warme und motivierende Gefühl, das einen durchfließt, wenn man anerkannt und gelobt wird, die eigene Arbeit, die eigene Person wertgeschätzt wird.

Ich habe mich aus zwei Gründen heute gefreut. Zum einen über das Lob einer mir unbekannten Person, das Wahrnehmen unserer Arbeit auch in Gebieten, in denen wir das nicht vermuteten und zweitens fand ich es bemerkenswert, dass die Kollegin sich die Zeit nahm, mir von dem Gespräch zu berichten!

Nichts ist ernüchternder und frustrierender als das Nichtwahrnehmen von Engament, Einsatzfreude und Kompetenz. Zu oft bleiben die Aussagen der überall zu findenden Hauptbedenkenträger hängen, überwiegen das Lob von anderer Stelle oder lassen es untergehen.

Wir wissen um die Wichtigkeit des Lobens, der Wertschätzung, der Anerkennung und dennoch denken wir zu häufig Nettigkeiten, statt sie auszusprechen.
Dabei wäre es so leicht, Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, in dem man anerkennt, was sie leisten und das täglich aufs Neue.

Mich hat das kurze Gespräch heute berührt und daran erinnert, sich nicht im eigenen Dunstkreis gefangen zu halten, sondern den Blick vermehrt nach außen zu wenden und wieder bewusst wahrzunehmen, was da neben mir, um mich herum und mit mir tagtäglich geleistet wird!
Und auszusprechen, was wahrgenommen wird. Nicht davon auszugehen, dass andere um die Anerkennung wissen, die Wertschätzung erahnen.

Sondern deutlich und klar zu zeigen, wie schön es ist, dass der andere da ist, wie wichtig seine Person, seine Arbeit, sein Engament, sein Fachwissen, seine Kritikfähigkeit etc. sind.
Wenn es uns jetzt noch gelänge, das, was wir in den Klassen immerzu praktizieren auch ins Team zu tragen, ließe sich so manch eine suboptimale Situation besser auffangen und tragen.

Es ist viel einfacher als man denkt.
Man muss es nur einfach wagen.
Wertschätzung muss zur Chefsache werden.
Nicht nur, aber unbedingt auch!

Susanne Schäfer 21.06.2016, 18.37 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Bildungsbewegung

"Fortschritt ist nur möglich, wenn man intelligent gegen die Regeln verstößt", so zitiert Matthias Horx in dem folgenden Video Borislav Barlog.
Über den historischen Abriss des Bildungsbegriff über die Kirche bis hin zu den paramilitärischen Zügen unseres Schulsystems leitet Matthias Horx in diesem zehnminütigen Ausschnitt uns hin zu einer Bildungsbewegung der Selbstveränderung, in dem jeder einzelne sich vom Jammern befreien und auf den Weg machen kann, Veränderungen zu leben.

Mir gefällt das oben genannte Zitat ausgesprochen gut.
Es knüpft an, an meine Gedanken zur Gelassenheit und Zeit und verdeutlicht sehr schön, das Dilemma in dem wir zu stecken scheinen.

Wir wissen um die Dinge, die sich verändern müssen, wenn wir gute Schulen auf den Weg bringen möchten, müssen aber offensichtlich "intelligent gegen die Regeln verstoßen", um Veränderungen zu initiieren.

Uns ist klar, dass die in dem Video genannten Metaqualifikationen wie Kreativität, Kritikfähigkeit, Teamfähigkeit und emotionale Intelligenz weitaus wichtiger sind, als das reine Wissen in einzelnen Bereichen und dennoch fällt es vielerorts schwer, sich von den Zwängen durch Richtlinien und Lehrpläne freizuschwimmen.

BildungsBEWEGUNG ist ein schöner Begriff, denn Bildung muss sich dringend BEWEGEN, damit Veränderungen wirksam werden.
Das bedeutet aber auch, dass wir - die wir uns in Bildungslandschaften bewegen - aktiv werden müssen. Herauskommen aus unserer Komfortzone, hinein in die Unbequemlichkeit.

Und dieser Gedanke kann lähmen und uns hineinkatapultieren in das Gefühl der Ohnmacht.
"Was denn noch alles?", mag man sich fragen oder gar "sollen doch die anderen, die Oberen, die Ministerien sich auf den Weg machen!"

Nur nicht ich.
Dabei übersehen wir, dass wir uns längst auf den Weg gemacht haben. Veränderungen brauchen Zeit, aber auch winzig kleine Schritte führen zum Ziel.
Ich hätte gerne mehr von dem Leuchten, das Matthias Horx beschreibt und weniger von dem Abschalten.

Und ich bin mir sicher, dass es unzählig vielen anderen Kolleginnen und Kollegen auch so geht und sich an vielen unterschiedlichen Orten schon Bewegung entwickelt hat und weiterentwickelt.
Und das macht Hoffnung auf mehr!

Und wenn es uns gelingt, die Menschen, die die Regeln entwickeln, denen wir zu unterliegen scheinen, in unsere Schulen zu holen, bewegt sich vielleicht auch dort etwas.
Am Ursprung.
Vielleicht wird Bildungsbewegung dann eine echte Bewegung und bleibt kein plakativer Begriff.

Wir müssen uns verändern, wenn wir etwas verändern wollen und die "das war aber doch schon immer so Kultur" hinter uns lassen.
Der beste Zeitpunkt ist immer JETZT.

Susanne Schäfer 03.06.2016, 14.53 | (1/1) Kommentare (RSS) | PL

Wichtige Ressourcen

Heute habe ich - nach langer Zeit - wieder einmal das empfehlenswerte Buch "Positive Pädagogik" von Olaf-Axel Burow herausgesucht und quergelesen. Mir gefällt - wie an anderer Stelle beschrieben - der wertschätzende Blick auf uns Menschen und insbesondere die Schülerinnen und Schüler. Der Ansatz "sich auf den pädagogischen Auftrag zu besinnen und viele der Zumutungen von außen zurückzuweisen, um sich auf die eigentliche Bestimmung zu konzentrieren" ist das, was im Schulalltag häufig zu kurz kommt.






Wir fühlen uns gehetzt. Es scheint, so meinen wir, dass es an zahlreichen Ressourcen fehlt. Wir hätten gerne schönere und größere Räume, idealerweise lichtdurchflutet und mit einem kleinen Nebenraum versehen, in dem Kleingruppen selbstständig arbeiten können.

Wir wünschen uns mehr Material, besseres Material, differenzierteres Material, weil wir denken, die Kinder dann optimaler fördern zu können.

Und nicht zuletzt, so beklagen wir zu Recht immer und immer wieder, mangelt es an personellen Ressourcen und wir fühlen die Aufgabenlast wachsen und schwer auf unseren Schultern lasten.

Während man die Ressourcenklage an vielen Stellen durchaus nachvollziehen und verstehen kann und muss, das auch kommunizieren sollte und an die richtigen Stellen weiterleiten muss, unterliegen wir - das ist jedoch nur meine persönliche Meinung - in einer Ressourcenfrage einem großen Irrtum.

Es ist die Frage nach der Zeit.

Wir fühlen uns, ich schrieb es eingangs, gehetzt. Uns läuft die Zeit davon, so meinen wir und wir möchten in den vier Jahren Grundschulzeit immer höher, weiter und schneller hinaus mit unseren  Kindern. In der irrigen Annahme, sie würden mehr lernen, sich mehr Wissen aneignen und die eigene Zukunft so besser meistern können.

Neben all den sicherlich mangelnden und fehlenden Ressourcen haben wir eines ganz sicher: ZEIT

Nur, wir nehmen sie uns nicht. Wir nehmen uns sie nicht oft und nicht radikal genug, weil wir meinen, in den Zwängen und Tücken eines Systems gefangen zu sein, das uns antreibt immer schneller immer mehr Wissen zu vermitteln statt Erfahrungen erleben zu lassen.

Damit schließe ich mich an meine Ausführungen von Samstag an bzw. führe sie lediglich fort.

Ausschlaggebend war ein kurzes Gespräch heute in der Schule mit drei Kolleginnen, in dem wir überlegten, warum es in einer Klasse zu ungewöhnlichen vielen Streitigkeiten kommt.
Meiner Ansicht nach liegt das daran, dass diese Kinder in den ersten zwei Schuljahren mehr Zeit gebraucht hätten. Mehr Zeit, um sich kennenzulernen, miteinander ins Gespräch zu kommen, die Gefühle des anderen wahrnehmen zu lernen. Mehr Zeit, sich an Schule zu gewöhnen, neue Regeln zu entwickeln und Streitigkeiten gemeinsam zu klären. Mehr Zeit zum Spielen und Toben und Ausprobieren und Erfahrungen sammeln.

Insbesondere in der Schuleingangsphase braucht es an vielen Stellen viel Zeit - viel mehr Zeit als uns lieb ist, weil wir mit unseren Ideen, Planungen und schlauen Lehrerhandbüchern auf der Strecke bleiben. Der Alltag passt sich nicht unseren Zeitvorstellungen an. Wir fühlen uns gehetzt, weil wir uns nicht von den Kindern und deren Bedürfnissen leiten lassen, sondern lieber Handreichungen fremder Menschen vertrauen, die unsere Lerngruppe nicht kennen und gar nicht einzuschätzen vermögen, was gerade eben bei uns geschieht.

Wären wir so flexibel und würden wir uns von den Kindern mit in die Zeit nehmen lassen, gäbe es diesen Druck auch nicht - oder nicht in dem Maße.

Ich las heute erstmalig im Handbuch des "ABC der Tiere". Das war eine durchaus sehr schmunzelswerte Lektüre und ich behaupte jetzt, lange vor der Einschulung meiner neuen Klasse, dass ich niemals in der Lage sein werde, den angegebenen Zeitplan einzuhalten.
Es bliebe keine Zeit für Gespräche und Flitzepausen. Für Experimente und Abenteuer, für Lernfreude und Klassenrat....
Diese Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen.

Ich möchte kein Knecht einer Handreichung sein und werden.
Jedes Kind braucht seine Zeit. Wir brauchen unsere Zeit. Niemand wird in den Klassenraum stürzen und mich geifernd fragen, warum die Kinder nicht schon dieses oder jenes gelernt hätten.
Gut, sieht man davon ab, dass ohnehin "bei den anderen alles besser ist".

Zeit ist ausreichend da, wir müssen nur wagen, sie uns zu nehmen.

Denn nicht nur die Kinder, auch wir brauchen Zeit.

Zeit, uns zu entwickeln.
Zeit, uns zu hinterfragen.
Zeit, uns weiterzuqualifizieren.
Zeit, für vielfältige Interessen.
Zeit, für Freunde.
Zeit, zu leben.

Ich habe einen Vorsatz für das neue Schuljahr:
Ich möchte mir all diese Zeit hemmungslos und ohne Schuldgefühle nehmen.
Und ich möchte das Team unserer Schule mitnehmen und nicht nur Mut machen zur Gelassenheit, sondern Mut, sich der Zeit zu stellen und sich nicht hetzen zu lassen.

Von niemanden.
Schon gar nicht von beschriebenen Papier!

Susanne Schäfer 01.06.2016, 19.24 | (9/9) Kommentare (RSS) | PL

Mut zu mehr Gelassenheit





Dieses Video kursiert derzeit nicht nur auf Facebook, sondern auch in in der hiesigen Bildungsbloglandschaft. Ich gestehe, der Name Harald Lesch sagte mir zunächst nichts. Das, was Herr Lesch in  dem Video ausführt, jedoch um so mehr.

Unser Bildungssystem ist durchzogen von Widersprüchlichkeiten, die Lehrer, Schüler und Eltern belasten.
Zum einen sollen wir jedes Kind dort abholen, wo es gerade steht. Individuelle Förderung wird überall eingefordert, nur um in Klasse 3 dann alle Kinder über exakt identische VERA Aufgaben brüten zu lassen.
Die Lehrpläne geben Kompetenzen vor, die Ende des zweiten und Ende des vierten Jahrgangs erreicht werden sollen, ohne genau das zu berücksichtigen, was wir als Lehrer im Alltag jedoch stets berücksichtigen  müssen: Stand und Lernfähigkeit unserer Kinder.

Es gibt  einen netten Spruch:

"Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!"

Wir nehmen das Recht auf Inklusion ernst, nicht aber das Recht der Kinder auf eine adäquate Ausbildung. Man stelle sich vor, man ginge mit einem Schnupfen zum Gynäkologen oder mit einem gebrochenen Arm zu Zahnarzt.
Obwohl es eigens ausgebildete Lehrkäfte für bestimmte Förderschwerpunkte gibt, traut man uns Lehrern zu, jedes Kind entsprechend fördern zu können.
Positiv betrachtet ist das ein immenser Vertrauensvorschuss.

Man traut uns - die wir nicht als Sonderpädagogen ausgebildet sind - zu, die Arbeit eines entsprechend ausgebildeten Kollegen ad hoc zu übernehmen und qualitativ gleichwertig auszuführen.
Und das ist es, was Kollegen belastet, was sie unter Druck setzt, was das Gefühl entstehen lässt, das hier in einem Kommentar so passend beschrieben wurde:

"Leider habe ich immer wieder das Gefühl, dass die Decke, nach der ich greife, an allen Enden zu kurz ist."

In unserem Team ist das immer wieder ein wichtiges Thema:
Was können wir mit unseren vorhandenen Ressourcen leisten und an welchen Stellen müssen wir mehr Gelassenheit entwickeln.

Ich plädiere für eine gesunde Gelassenheit, die zu einer gesundheitserhaltenden Gelassenheit wird!

Wir können nicht mehr als arbeiten und jeden Tag aufs Neue unser Bestes geben. Und zwar in dem vorgegebenen Rahmen, in den Räumen, die uns zur Verfügung stehen, mit den Materialien, die wir vom Schuletat anschaffen können, mit der personellen Situation, auf die wir - meiner Meinung nach deutlich zu geringen - Einfluss haben und mit den Möglichkeiten, die wir haben.

Wir können uns fachlich weiterbilden, fortbilden, Methoden und Lernansätze modifizieren, individuell fördern und vor allem auch fordern und dennoch wird immer irgendwie das Gefühl bestehen bleiben, nicht genug getan zu haben, nicht genug bewirkt zu haben, nicht jedem Kind gerecht worden zu sein.

Wenn wir bei den Kindern stärkenorientiert arbeiten, sollten wir bei uns anfangen.
Ich kann an dieser Stelle nicht für alle, aber für "meine Schule" sprechen. Für ein Team, das jeden Tag neu sein Bestmöglichstes gibt.

Die rechtlichen Vorgaben, eine Qualitätsanalyse, die Wünsche und Vorstellungen der Eltern und der uns eigene Anspruch, setzen uns unter Druck, weil wir zulassen, uns unter Druck setzen zu lassen.
Jedes Kind ist anders. Und nicht jedes Kind erwirbt im Laufe seiner Grundschulzeit vielleicht all die erwarteten Kompetenzen aus dem Lehrplan.
Vielleicht ist es gerade aus einem Kriegsgebiet geflohen und hat ganz andere Sorgen, als unseren Lehrplan zu erfüllen? Vielleicht kommt es aus einem konfliktbehafteten, privaten Umfeld, vielleicht lernt es anders, vielleicht lernt es langsamer, vielleicht.....

Ich wünsche mir für uns Kollegen, dass wir nicht länger zulassen, diesen Druck zu empfinden. Ich wünsche mir eine gesunde Gelassenheit bei gleichbleibenden Einsatz. Sprich: Eine Gelassenheit im Hinblick darauf, was wir erreichen können ohne frustiert und ausgelagt, geschunden und resigniert auf der Strecke zu bleiben.
Es wäre doch schön, wenn jeder Kollege sähe, was er alles bewirkt und bewirkt hat und bewirken wird und nicht ausschließlich darauf schaut, was eventuell nicht funktioniert hat!

Das Lehrerzimmer bräuchte auch eine "Das kann ich schon"- Wand. Wir müssen lernen, auf das zu blicken, was uns gut gelingt und ohne Scheu und Scham stolz darauf sein.

In unserem Lehrerzimmer steht ein "Sonnenschein-Buch". Hier tragen wir all die herzöffnenden Glücksmomente ein, die Schule für uns bereithält, damit wir nicht nur jammernd und leidend zusammensitzen. In arg stressigen Zeiten werden die Einträge weniger, aber wenn ich das Buch durchblättere, weiß ich, warum ich Lehrerin geworden bin.


Um auf das oben verlinkte Video zurückzukommen:
Unsere Kinder müssen Erfahrungen machen (dürfen) und sammeln können.
DAS müssen Eltern, aber auch Schule ermöglichen.

Und sie müssen Kind sein dürfen.

Warum soll das Flüchtlingskind also nicht erstmal "nur spielen" und bei uns ankommen? Wer sagt, es muss sofort täglich zehn neue Wörter lernen und darf nicht erstmal die Flucht verarbeiten?
Niemand.

Unsere eigenen Ansprüche sind es, die uns manchmal zusetzen.
Und daran können wir arbeiten. Vielleicht können wir die Rahmenbedingungen nicht alle optimieren, aber wir können unser Kopf und unser Lehrerherz gelassener werden lassen!

Es wird unseren Kindern zugute kommen!

Susanne Schäfer 28.05.2016, 18.25 | (15/15) Kommentare (RSS) | PL

Das Inklusionsgeschäft




Etwas irritiert nahm ich auf der diesjährigen Didacta wahr, wie Schulbuchverlage die Inklusion vermarkten und zu einem - sicherlich guten - Geschäft machen.
Materialien, die es seit Jahren gibt, werden nun mit markigen Aufklebern versehen und sind "inklusionsgeeignet", was immer das genau bedeuten soll.
Inklusion ist zu einem mächtigen Wort geworden in der Bildungslandschaft. Inklusion wird heiß diskutiert, bringt uns hier und dort an unsere Grenzen und wir sind auf der Suche nach Allheilmitteln, die uns - nicht zwingend den Kindern - die Inklusion erleichtern.

Geht der Griff dann in der Tat eher zu Materialien, die mit einem solchen  Aufkleber versehen sind?
Ich geriet in eine Diskussion mit einer Verkäuferin - wobei angemerkt sei, dass die Arme nichts für die Verkaufsstrategien des Verlages kann - und merkte, dass kein fundiertes Wissen über die Inklusionspraxis bestand.

Ich wurde darauf hingewiesen, dass kompetente Fachkräfte sämtliches Material des Verlages auf Inklusionsfähigkeit überprüft hätten und nur die Materialien einen Aufkleber erhalten hätten, die wirklich inklusionsgeeignet seien.

Einerseits war dieses Gespräch durchaus schmunzelnswert, andererseits machte es mich schon auch ein wenig sprachlos, weil Inklusion zu einem bloßen Geschäft degradiert wird und die Hilflosigkeit der Kollegen so relativ schamlos ausgenutzt wird.

Jedes Material ist inklusionsgeeignet, denn es wird immer Kinder geben, die mit genau diesem Material arbeiten und lernen können.
 
Wenn wir anfangen, innerhalb der Inklusion zu separieren, sind wir außerhalb der Inklusion gelandet. Also machen solche Aufkleber meines Erachtens wenig Sinn und zeigen eigentlich nur auf, wie hilflos wir mit der neuen Situation umgehen.

Meiner persönlichen Meinung nach gibt es keine pauschalen Inklusionskinder. Es gibt Kinder mit unterschiedlichen Förderbedarfen in unterschiedlicher Ausprägung und wie bereits seit vielen Jahren, bleibt es einfach weiterhin unsere Aufgabe, als Lehrer zu schauen, welches Material für welches Kind wann genau sinnvoll ist.
Ein Aufkleber ändert da gar nichts, außer möglicherweise tatsächlich das Kaufverhallten von uns Lehrern - was ich nicht hoffe!

Die Schulbuchverlage, jedenfalls einige, wittern eine neue Marktlücke. Auch online wird Material verstärkt mit Inklusionsfähigkeit beworben. Dabei benötigen doch alle Kinder unterschiedliche Lernarragements, unabhägig vom attestierten oder nicht attestierten Förderbedarf.

Mich erinnerten die Aufkleber an ein ebenso irritierendes Erlebnis auf einer Inklusionsfortbildung. Dort wurde mit einem "Markt der Möglichkeiten" geworben, der uns Lehrer bei der Inklusion helfen sollte.
Natürlich war das die bevorzugte Anlaufstelle aller Fortbildungsteilnehmer.

Dass dort lediglich "Lies-Mal-Hefte" auslagen, "Lük Kästen" und weitere altbekannte Materialien und Bücher war sehr ernüchternd.
Das deutlich anzusprechen jedoch ein großer Fehler meinerseits.

Wenn wir uns einfach nur klarmachen würden, das jedes Kind anders lernt und jedes Kind in seinem eigenen Tempo lernt, wären wir ein großes Stück weiter und bräuchten keine offenbar wegweisenden Aufkleber.

Den Unterrichtsalltag verändern wir nicht mit solchen Kopiervorlagen, sondern nur durch unsere Einstellung.
Inklusion fängt in unserem Kopf an. Nirgendwo sonst!

Susanne Schäfer 27.05.2016, 04.43 | (14/14) Kommentare (RSS) | PL

Die Sache mit der Motivation

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Anne
Liebe Susanne, erst einmal ein großes Lob für die vielen liebevoll gestalteten Dinge. Ich möchte im neuen Schuljahr auch eine Eisbärenklasse starten. Gibt es schon Schilder für die Tafel mit den Unterrichtsstunden? LG
21.5.2017-17:17
Melanie
Liebe Susanne,
vielen Dank für deine tollen Texte, darin kann man sich wirklich stundenlang verlieren!
Am Schuljahresanfang hattest du Auf- und Einräumbilder deines Klassenraumes gepostet, mich würde mal interessieren, wie es jetzt so bei dir aussieht, nachdem darin schon eine ganze Weile gelebt wird.
Es grüßt dich ganz herzlich,
Melanie
14.5.2017-19:18
Pepe
Weil nicht sein darf, was nicht sein soll! Mutige, offene Worte. Vielen Dank dafür, Susanne. Genau so sieht es aus.
23.2.2017-16:37
Melli
Liebe Susanne, ich möchte gerne die Gelegenheit nutzen, um dir ganz ganz herzlich für die tolle Idee und natürlich deine süßen Materialien zum Märchentag zu danken. Wir begehen seither den "Märchenfreitag" (stundenplanbedingt) und meine Erstklässler lieben es! Gerade für meine sehr spracharmen Kinder ist es eine tolle Möglichkeit, den Wortschatz zu erweitern und sie zum Sprechen und Erzählen anzuregen. Und ähnlich wie du habe auch ich einen ungemeinen Spaß daran, jede Woche ein neues Märchen vorzubereiten und mal keine Buchstabeneinführung ö.ä. zu machen. Also lieben, lieben Dank!!!
18.2.2017-11:02
Angelika
"Menschen" wie "immer wieder" sollte man einfach ignorieren, Ernst nehmen kann man das nicht. Peinlich trifft es auch ganz gut.
15.1.2017-17:32
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